Am Biodiversitätskongress im Rahmen des Swiss Green Economy Symposium zeigte sich, wie eng Artenvielfalt mit Landwirtschaft, Siedlungsentwicklung, Wirtschaft und Infrastruktur verbunden ist und weshalb es nun vor allem um die Umsetzung geht.

Fotos Thomas Oehrli & Florian Steiner / SGES

Vielfältig war nicht nur das Thema, sondern auch das Programm des Biodiversitätskongresses: Vertreter:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und NGOs hielten spannende Referate und diskutierten angeregt in den Panels – am Vormittag im Plenum ebenso wie am Nachmittag in den Innovationsforen. Schnell wurde klar: Biodiversität ist komplex. Sie lässt sich weder auf die Zahl einzelner Arten reduzieren noch mit einer einzigen Massnahme sichern. Entscheidend sind die Qualität und Vernetzung von Lebensräumen und die Frage, wie wir Landschaften, Städte, Landwirtschaft und Infrastruktur gestalten.

Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck. Hitze, Trockenheit und Starkregen verändern Lebensräume und stellen Städte ebenso wie die Landwirtschaft vor neue Herausforderungen. Schwammstadt-Elemente, begrünte Dächer, Bäume oder naturnahe Aussenräume können dabei mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Sie fördern die Biodiversität, halten Wasser zurück, kühlen die Umgebung und verbessern die Aufenthaltsqualität.

Quantität und Qualität müssen stimmen

Doch wie lässt sich feststellen, ob eine Massnahme tatsächlich etwas bringt? Für das Monitoring stehen klassische Artenerhebungen im Feld ebenso zur Verfügung wie Citizen Science, DNA-Analysen, digitale Anwendungen, Indikatoren und Punktesysteme. Doch Biodiversität ist vielschichtig: Fläche allein sagt wenig über deren ökologische Qualität aus. Eine grosse Grünfläche kann artenarm sein, während eine kleinere, gut vernetzte Fläche einen hohen ökologischen Wert besitzt.

Im Siedlungsraum können naturnahe Aussenräume, Gründächer, Baumkronen, entsiegelte Flächen und angepasste Pflegekonzepte viel bewirken. Klare Vorgaben und Mindeststandards helfen dabei, insbesondere bei Neubauten. Anspruchsvoller ist der Umgang mit bestehenden Flächen. Hier braucht es Lösungen, die sich schrittweise umsetzen lassen und auch den späteren Unterhalt berücksichtigen. Biodiversitätsförderung sollte deshalb nicht erst am Ende eines Projekts hinzukommen, sondern möglichst früh in Planung und Entscheidungsprozesse einfliessen.

Biodiversität beginnt im Einkaufswagen

Auch in der Landwirtschaft braucht es Lösungen, die ökologisch wirksam und zugleich praxistauglich sind. Nützlingsstreifen, Humusaufbau, vielfältigere Anbausysteme oder eine gezielte Züchtung können die Biodiversität fördern. Entscheidend ist dabei nicht nur die Fläche, sondern auch deren Qualität und Vernetzung.

Gleichzeitig stehen viele Betriebe unter hohem Produktions- und Kostendruck. Mehrfach wurde deshalb betont, dass die Verantwortung nicht allein bei den Landwirt:innen liegen kann. Handel, Konsument:innen, Politik sowie vor- und nachgelagerte Branchen beeinflussen mit ihren Anforderungen, Preisen und Kaufentscheidungen, welche Produktionsweisen sich wirtschaftlich durchsetzen. Wer mehr Biodiversität in der Landwirtschaft will, muss entsprechende Leistungen deshalb auch entlang der gesamten Wertschöpfungskette mittragen.

Wenn Biodiversität einen Wert erhält

Ein weiterer Schwerpunkt des ersten Schweizer Biodiversitätskongresses war die Rolle der Wirtschaft. Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit Biodiversität – nicht zuletzt, weil sie über Rohstoffe und Lieferketten von funktionierenden Ökosystemen abhängig sind. Damit stellt sich die Frage, wie Naturleistungen stärker in wirtschaftliche Entscheidungen einfliessen können.

Diskutiert wurden unter anderem Biodiversitätsfonds, neue Finanzierungsmodelle und ergebnisorientierte Zahlungen. Auch indirekte Leistungen lassen sich zumindest teilweise wirtschaftlich erfassen: Grünflächen mindern Hitze, Bäume spenden Schatten, Böden speichern Wasser und naturnahe Flächen können Schäden bei Starkregen reduzieren.

Vom Wissen zur breiten Umsetzung

Eine Botschaft zog sich durch zahlreiche Beiträge: Wissen über Biodiversität ist vorhanden, ebenso Instrumente und gute Beispiele. Die Herausforderung liegt zunehmend darin, sie breit anzuwenden. Dafür braucht es verständliche Kommunikation, Aus- und Weiterbildung, langfristige Finanzierung und eine Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg.

Planung, Forschung, Landwirtschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Bevölkerung betrachten Biodiversität aus unterschiedlichen Perspektiven. Gerade darin liegt aber auch eine Chance und es gilt, Biodiversität mit Klimaanpassung, Lebensqualität, Wassermanagement und wirtschaftlicher Resilienz zusammenzudenken. Grenzwerte, Standards und Anforderungen können dabei die Richtung vorgeben. Gleichzeitig sollten sie genügend Raum für Innovation lassen – darin waren sich viele der Referierenden einig.